SAM fragt nach bei…Ilse Campbell

Selten hat mich ein Buch so aufgewühlt wie das von Ilse Campbell. Ich habe es HIER vorgestellt und war begeistert, dass die Autorin sich zu einem Interview bereit erklärte.

Hallo Ilse.

Nun gehts los:

Ich freue mich heute bei Ilse Campbell nachfragen zu dürfen! Vielen Dank für diese Möglichkeit!

Ich danke dir für diese Gelegenheit auf deinem Blog ein Interview geben zu können.

Da wir uns bei Facebook über den Weg gelaufen sind und da allgemein jeder mit „Du“ angesprochen wird, bin ich nun auch mal beim DU, Ilse. 😉

Ich bin wahrlich kein Schleimer, aber Dein Buch hat mir schier die Schuhe ausgezogen…ich hab morgens um 9 Uhr damit angefangen und war abends um 22 Uhr fertig…(mit Versorgungspausen für Kinder und Tiere) und konnte mich anschließend gar nicht gleich beruhigen. Umso mehr bin ich begeistert die Möglichkeit zu bekommen für „SAM fragt nach bei…“

Die Einstiegsfrage bekommt zum Aufwärmen jeder Autor bei mir gestellt: Ist der Name Pseudonym oder Realität und warum hast Du Dich so dafür entschieden?

Nein kein Pseudonym. Es ist mein richtiger Name.

Hast Du schon immer irgendwie geschrieben, also z.B. Tagebuch, oder gab es einen Stein des Anstoßes.

Richtig geschrieben habe ich nicht. Wie so viele als Teenager schon mal Tagebuch. Mit Vollzeitjob und Kindern blieb wenig Zeit fürs Schreiben. Die Idee, diesen Roman zu schreiben, kam mir relativ plötzlich. Es gab zwei Ereignisse, die kurz hintereinander folgten: ein israelischer Ex-Mann starb überraschend an einem Herzinfarkt, und kurz darauf hörte ich von der Schließung unseres ehemaligen Kibbuz wegen finanzieller Schwierigkeiten. Da kam mir der Gedanke, dass es schön wäre, diese heute fast vergessene Welt der Kibbuzime zu beschreiben und gleichzeitig meiner Tochter etwas von ihren israelischen Wurzeln zu erzählen.

Das Schreiben war somit Mittel zum Zweck. Das Buch sollte weder Sachbuch noch Biografie werden, deshalb habe ich mir eine Geschichte dazu ausgedacht. So ist der Roman mehr oder weniger ungeplant entstanden.

Ist „Tikwa heißt Hoffnung“ Dein erstes Buch? Wußtest Du immer, dass Du nicht nur für Dich schreiben sondern auf jeden Fall auch veröffentlichen wolltest?

Ja, es ist mein erstes Buch. Während des Schreibens, habe ich mir noch keine konkreten Gedanken über eine Veröffentlichung gemacht. Mein erster Lektor riet mir dazu, es drucken zu lassen. Daraufhin fing ich an zu recherchieren. Als das Buch fertig war und es den Testlesern gefallen hat, erst da wollte ich veröffentlichen. Was nützt ein Buch, das in der Schublade vermodert?.

Wenn man Deinen Lebenslauf liest liegt die Vermutung ja nahe, dass das Buch eigentlich Deine eigene Geschichte erzählt. Ist das so? Sind zumindest Teile davon genau so selbst erlebt?

Das werde ich fast immer gefragt. Es ist nicht meine eigene Geschichte, aber natürlich sind große Teile aus meinem Leben und meiner Zeit im Kibbuz darin enthalten. Ich wollte diese Welt beschreiben und so war sie damals Ende der Siebziger Jahre. Die Charaktere sind erfunden, aber angelehnt an Freunde. Die Geschichte der Geburt ist recht realitätsnah. Den Libanonkrieg habe ich erlebt. Mein Ex-Mann war in diesem Krieg, allerdings hatte er keine posttraumatische Störung und hat sich nicht umgebracht. Ich brauche zum Schreiben gewisse Erfahrungen, um die ich dann eine Geschichte spinne. Die posttraumatischen Störungen habe ich eher bei amerikanischen Soldaten erlebt.

Du schreibst, es sei Abenteuerlust und eine gwisse Orienterungslosigkeit gewesen, die Dich nach Israel getrieben haben. Hast Du in diesem Land trotz der Kriegswirren Ruhe und Orientierung für Dich finden können?

Ja, ich war damals ein orientierungsloser, und sehr abenteuerlustiger, junger Mensch. Das Leben hier machte mir nicht wirklich Sinn. In einem Land, in dem es oft ums Überleben geht, lernt man sehr schnell, was die wirklich wichtigen Dinge sind. Ich bin dort erwachsen geworden. Ich komme aus einem recht wohlbehüteten Elternhaus, es fehlte an nichts. In Israel habe ich gelernt, mit wenig glücklich zu sein. Man benötigt gar nicht so viel im Leben und Frieden ist Luxus.

Gibt es etwas in Deinem heutigen Alltag, eine Handlung, ein Essen, eine Denkweise, eine Einstellung irgendetwas, dass Du aus Israel mitgebracht hast?

Meine Freunde würden sagen, dass ich immer noch sehr heftig mit meinen Händen diskutiere. Das macht man im Nahen Osten sehr häufig. Ich liebe immer noch die israelische Küche: Humus, Falafel und auch die israelische Musik. Mein Kühlschrank sieht bis heute fast koscher aus. Milchprodukte und Fleisch sind getrennt.

Ich habe beim Lesen die Luft durch die Zähne zischen lassen…eine Deutsche gerade mit einem Israeli…wie schwierig war es tatsächlich im Hinblick auf die grauslige gemeinsame Vergangenheit ein Miteinander und auch ein Miteinander in einem Freundeskreis entstehen zu lassen?

In Europa habe ich deutlich mehr Deutschenhass erlebt. Ich habe in Israel nie Probleme gehabt und hatte einen recht großen Freundeskreis, vor allen Dingen, nachdem ich die Sprache lernte. Ich wurde sogar von der Familie meines Mannes akzeptiert, obwohl sie aus dem Warschauer Ghetto stammte. Zu Anfang war dies nicht ganz einfach, aber es half, dass ich einer neuen Generation und nicht mehr der Kriegsgeneration angehörte.

Einerseits empfinde ich durch Deine Schilderungen Israel als hilfsbereit, kultiviert und fortschrittlich andererseits, ich komme selbst aus der Medizin, war ich schockiert über die Darstellung des Krankenhauses bei der Geburt Eurer Tochter. Ich habe Blut und Wasser mit Dir und Deinen Wehen geschwitzt. Sind es die fehlenden Mittel aufgrund der immerwährenden Kriegshandlungen, dass die Versorgung und Umgebung der Krankenhäuser eher zweckmäßig sein läßt und die Ärzte eher routiniert als empathisch? Oder einfach einer anderen Kultur und daher einer anderen Sicht auf die Dinge geschuldet?

Das Buch spielt in den Siebzigern und die Region um Tiberias war eine ärmere Gegend. Dies war ein Behelfskrankenhaus, ein neues wurde gebaut. Die Frauen in der vorwiegend orientalisch geprägten Stadt Tiberias bekamen oft sechs bis acht Kinder. Man machte deshalb auch nicht so viel Aufhebens um eine Geburt. Außerdem muss ein Autor auch manchmal ein bisschen übertreiben, damit eine Geschichte besser wirkt. -:) Im heutigen Israel gibt es vorzügliche, moderne Krankenhäuser.

Du hast erlebt, was ich nur aus Schilderungen meiner Oma kenne. Krieg, Zerstörung, Vermissen, Unsicherheit, Verzweiflung…das volle Programm. Gab es Momente in denen Du ohne Mann an Deiner Seite Angst um Leib und Leben von Dir und Deiner Tochter hattest?

Mein Ex-Mann war im Krieg, aber nicht vermisst, das ist der Unterschied zum Buch. Die Szene am Fenster, in der man in der Ferne den Krieg als Feuerwerk sieht, die ist echt. Ja, man hat manchmal Angst, natürlich, aber da alle in der gleichen Situation sind, ist das Gefühl der Gemeinschaft sehr stark und überwiegt meist. Traurig aber wahr, man gewöhnt sich irgendwie daran und setzt sein Alltagsleben fort. Nachts gestattet man sich manchmal die Angst. Es ist sehr schwer, das zu erklären.

Ich habe gelesen, dass Du heute mit einem amerikanischen Soldaten verheiratet bist. Du arbeitest in der Eifel auf einem Stützpunkt, er in Kabul. Ich stelle mir das sehr schwierig vor. Haben Dich die Erlebnisse in Israel so reifen lassen, dass Du mit der Angst im Nacken leben kannst? Ist sie Dein Begleiter? Oder sperrst Du die Angst davor aus, dass eines Tages eben dieser Tross kommt, um Dir zu sagen, Dein Mann wird nie mehr zurück kommen?

Ich denke, nicht nur die Erfahrung aus Israel, auch die langjährige Erfahrung, als mein jetziger Mann im Militär war, spielen eine entscheidende Rolle. Wir scherzen oft, und sagen unsere dreißig Jahre Ehe sind eigentlich Netto nur fünfzehn Jahre, so oft sind wir getrennt gewesen. Mein Mann ist nun seit zehn Jahren in Kabul. Anfangs war das nicht einfach. Bei jedem Anschlag stockt einem der Atem, da man so aber nicht leben kann, verbannt man die Gedanken. Ich glaube an Schicksal und denke mir, wenn etwas, mich passiert, ist noch Zeit genug mich aufzuregen. Ich ändere nichts durch die Angst.

Du hast bei Tredition veröffentlicht-als Selfpublisherin. Wolltest Du das von Anfang an sein oder ist die Entscheidung, alles in den eigenen Händen zu haben, gewachsen? Gab es Überlegungen Dein Buch einem Traditionsverlag anzubieten?

Mein Lektor schlug mir Tredition vor. Für den Anfang war dies keine schlechte Erfahrung. Ich habe mein Buch jedoch überarbeitet und mich anschließend entschlossen, über Create Space zu veröffentlichen. Mir war es wichtig, die gesamte Kontrolle über mein Buch zu behalten. Für mich kamen, allein wegen des Themas, nur bestimmte, größere Verlage in Betracht. Nach gründlicher Recherche und dem Fazit, kaum eine Chance zu haben, fand ich den Weg des Selfpublishers verlockender, als kleinere Verlage anzuschreiben. Bei beiden ist man selbst für die Werbung verantwortlich. Ich bin der Meinung, dann ist es besser alles in den eigenen Händen zubehalten.

Als selfpublisher ist man ja auch für den Bekanntheitsgrad seines Buches verantwortlich. Wie stehst Du zu Marketing? Was unternimmst Du, damit Dein Buch möglichst viele Menschen lesen?

Marketing ist für mich im Moment noch schwierig. Das Schreiben eines Buches empfinde ich als einfacher. Ich werbe in Facebook, wurde in diversen Zeitungs- und Onlineartikeln erwähnt. Ich habe auch schon ein Interview gegeben. Ich gebe zu, es ist ein langsamer Prozess. Gute Erfahrungen habe ich mit Lesewandergruppen gemacht, die unbekannterweise mein Buch rezensieren. Ich bin stolz, keine Fakerezensionen zu haben, und durchweg nur gute Beurteilungen. Lieber weniger, aber dafür echte Beurteilungen.

Thema Positionierung am Markt. Schreibst Du überzeugt für eine spezielle Zielgruppe und ein bestimmtes Genre oder läßt Du Dir und dem Leser offen, wer sich von Deinen Veröffentlichungen angezogen fühlt?

Nein, ich schreibe, um etwas mitzuteilen, das mir wichtig ist, anders könnte ich nicht schreiben. Das Thema muss mir am Herzen liegen. Ich freue mich über jeden Leser. Was ich ganz toll finde, wenn sehr junge Leute sich für dieses Buch interessieren. Sie lernen eine Lebensform kennen, die es heute so nicht mehr gibt.

Der deutsche Sommer steht vor der Tür und wir stöhnen ja schon bei allem was die 25 Grad Marke übersteigt. Deine Beschreibungen ließen mich eine staubige sengende Hitze im Kibbuz fühlen. Du hast viele Jahre in Israel gelebt, eben in großer Hitze. Hast Du den ultimativen Tipp die sommerlichen Temperaturen erträglich zu machen?

Lach, Nein! Ich muss aber dazu sagen: Ich liebe die Hitze und einen blauen Himmel und wünschte mir, wir hätten etwas mehr davon. Kaltes Wasser und kalte Getränke sind immer gute Begleiter.

Mit dem Sommer kommen ja auch die großen Ferien in Deutschland. Welches Buch ist Deine unbedingte Urlaubslektüren-Empfehlung und warum?

Ich habe ein absolutes Lieblingsbuch: „Dienstags bei Morrie“ von Mitch Albom. Eine Geschichte, die sehr viele Lebensweisheiten beinhaltet. Eine der Hauptaussagen des Buches:

Im Leben kommt es vor allem auf die mitmenschlichen Beziehungen an: Ehe, Familie, Freunde. Entscheidend sei es, dass man bereit sei, anderen Menschen Zuwendung zu geben, ihnen zuzuhören, sich um sie zu kümmern, sie zu lieben. Ich denke so etwas kann man auch im Urlaub lesen.

Autoren gelten manchmal als schrullig. Wie ist das bei Dir? Hast Du eine Schreibschrulle? Immer mit grünem Tee oder nur mit Kerze und Tschaikowski im Hintergrund oder nur mit einem bestimmten Stift in ein bestimmtes Buch? Wie schreibst Du?

Ich gestehe, ich sitze auf dem Sofa und schreibe mit dem Laptop. Nicht die gesündeste Position, aber so fühle ich mich am wohlsten. Außerdem mag ich die Stille. Das ist schon alles. Ich kann leider nicht mit schrullig oder spektakulär dienen.

Und abschließend drängele ich mal mit der Frage: Dürfen wir Leser uns auf etwas Neues von Dir freuen oder soll Tikwa heißt Hoffnung für Dich das befrieden eigener Erlebnisse und damit das einzige Buch von Dir bleiben? Hast Du ein neues Projekt im Kopf?

Nach langem Ringen zwischen zwei Buchprojekten steht mein neues Buch fest. Nach einer gerade beendeten Reise in den Heimatort meines Mannes, im Süden Amerikas, habe ich mich entschieden: Ich schreibe eine Geschichte über diesen kleinen, verrückten Ort in Alabama. Es wird eine Reihe interessanter Charaktere geben, und auch an Konflikten wird die Geschichte nicht arm sein. Wie auch im ersten Buch, werde ich über Dinge schreiben, zu denen ich einen persönlichen Bezug habe.

Zusätzlich bin ich eine von vier Administratoren in der Schreibgruppe- Prosa auf FB, die Bernd Daschek gegründet hat. Dort beteilige ich mich an Ausschreibungen oder Wettbewerben für Kurzgeschichten. Zwei meiner Kurzgeschichten gibt es auch vertont auf YouTube . Im Juni veröffentlichen wir ein gemeinsames E-Book mit dem Titel „Postkartengeschichten“. Die Gruppe ist von Autoren für Autoren. Man lernt dort jeden Tag neue Dinge, die einen als Autor verbessern.

Vielen Dank Ilse, dass Du Dir die Zeit für meine Fragen genommen hast!

Ich danke dir, SAM, für die interessanten Fragen und die Zeit, die du mir für das Interview eingeräumt hast. Es hat sehr viel Spaß gemacht.

 

Dieses Interview habe ich im Juni 2016 geführt-gleich nachdem ich das Buch gelesen hatte. Die Rezension dazu kannst Du HIER lesen. Leider kam es in der Folge in meinem Leben zu einigen großen Umbrüchen und ich nicht dazu, das Interview auch zu veröffentlichen. Aber JETZT 😉

Die Autorin hat mich freundlicherweise darauf hingewiesen, dass das Buch „Tikwa heißt Hoffnung“ noch einmal überarbeitet wurde und es mittlerweile mit einem leicht veränderten Cover versehen wurde. Inhaltlich ist es aber noch das gleiche wunderbare Buch, dass man z. B. auch über diesen Affiliate-Link bei Amazon erwerben kann:

 

 

Wer mehr über Ilse Campbell und ihr Schaffen erfahren möchte kann gern einmal auf ihrer Homepage stöbern: www.ilsecampbell.de

 

Wir lesen uns!

Denn ich bin Frau Wort 😉

Ich bin SAM

 

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